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13 Jan

Nancy Waldmann (Germany)
Die Zeit, 30.12.2014

Ein Mythos in Gefahr

Anatoli Michailow zitiert gern große Denker. Sie helfen ihm über die Niederungen hinweg, in die seine vertrackte Aufgabe ihn geführt hat. Kant, Arendt, Gadamer – all diese Namen bemüht Michailow, um den Zustand zu beschreiben, in dem sich seine Universität befindet. Michailow ist Philosophieprofessor, Gründer und Rektor der European Humanities University (EHU), der einzigen Exil-Universität Europas. Vor zehn Jahren musste sie in ihrer weißrussischen Heimat Minsk schließen, auf Betreiben von Präsident Alexander Lukaschenko. In Litauen fand sie Zuflucht.


Auf einem der Hügel am Rande der Altstadt von Vilnius sitzt Michailow, 75, ganz oben im dritten Stock eines Backsteinbaus, den die hiesige Universität der EHU als Verwaltungsgebäude zur Verfügung gestellt hat. In seinem Zimmer steht ein Globus, an der Wand hängt ein Plakat mit Flaggen der Länder, die der Exil-Universität Geld geben. Auch Deutschland ist dabei, der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) finanziert einen Dozenten, der das Zentrum für Deutschlandstudien leitet. Zusätzlich gibt die EU jährlich eine Million Euro. Einige Staaten allerdings haben ihren Anteil mit der Wirtschaftskrise gestrichen. Doch sinkende Zuschüsse sind nur eines von vielen Problemen, die dem Rektor der privaten geisteswissenschaftlichen Hochschule Sorgen bereiten. Michailows schmales Gesicht ist von tiefen Furchen durchzogen, es liegt ein unfassbarer Ernst darin. Ein Gesicht, das zu dieser Universität passt.

Mit zwei Mitstreitern gründete Michailow 1992 die EHU. Damals, zwischen dem Ende der Sowjetunion und dem Amtsantritt des Autokraten Lukaschenko 1994, herrschte gerade ein kurzer demokratischer Frühling. Die Gründer machten sich daran, eine akademische Stätte mit liberaler Geistestradition aufzubauen, in einem Land, in dem es so etwas zuvor kaum gegeben hatte. Die EHU wollte europäische Hochschulbildung in Weißrussland etablieren. Und Michailow wurde ihr Rektor. Seinen Netzwerken ist es zu verdanken, dass die EHU Förderer fand. Er hatte schon zu Sowjetzeiten eine ungewöhnliche Karriere gemacht: In Jena hatte er über Heidegger promoviert und später eine Zeit lang bei den Vereinten Nationen in New York gearbeitet. »Eine kritische Masse unterschiedlich ausgebildeter Leute zu formen, die zu positiven Veränderungen im Land beiträgt – das ist immer das Ziel der EHU gewesen«, sagt Michailow.

Von Veränderungen aber ist Weißrussland derzeit mehr denn je entfernt. Präsident Lukaschenko führt das Land autokratisch und unangefochten. Er profitiert von dem Krieg in der Ukraine. Angesichts des Chaos im Nachbarland gilt er selbst einem Teil der regierungskritischen Intelligenzija als Garant der Stabilität. Und so bleiben die Verhältnisse unverändert, und das Land bleibt isoliert. Oppositionelle werden gegängelt, ins Gefängnis gesteckt oder ins Ausland verbannt. Für die EHU ist an eine Rückkehr nach Minsk nicht zu denken.

Jemand bringt Kaffee, Kaffee für den Wartenden. Diese unsowjetische Respektbekundung habe früher manche, die in der EHU einen Termin hatten, zu Tränen gerührt, so liest man es in einer Broschüre zur Geschichte der Universität. Die EHU wollte und hat sich in vielem von weißrussischen staatlichen Hochschulen unterschieden. »Eine zwanglose Beziehungsdemokratie des Vertrauens und der Gleichheit« habe dort geherrscht, so beschreiben Mitarbeiter das Klima in den Gründungsjahren. Heute dagegen seien »weißrussische Verhältnisse« eingezogen. Es herrsche Angst und Misstrauen und ein Management, das versucht, all jene loszuwerden, die sich weigern, die Reformen hinzunehmen.

Die European Humanities University – einst das Symbol der Hoffnung auf Freiheit, steht jetzt, im 22. Jahr ihrer Existenz, vor einer Zerreißprobe. Wie konnte das passieren?

Effizienter und internationaler wollten Michailow und das von ihm neu eingesetzte Management die EHU machen. Die rund 1500 Studenten sollen nicht mehr nur aus Weißrussland kommen, auch Lehrende aus dem Ausland wollten sie rekrutieren. Zugleich wurde eine ganze Reihe von Professorenstellen aus Spargründen gestrichen, während die Verwaltung ausgebaut wurde. Der akademische Senat wurde entmachtet und bei wichtigen Entscheidungen übergangen. Viele Senatsmitglieder und Lehrende sehen die Entwicklung kritisch und empfinden sie als gegen die Mission der Exil-Uni gerichtet, aber auch gegen sich selbst. Der Senat will mehr Verknüpfung mit der Zivilgesellschaft in Weißrussland, und er will die als intransparent empfundene Verwaltung stärker kontrollieren. Michailow interessierten die Proteste nicht. Er sorgte vielmehr dafür, dass die kritischen Senatsmitglieder in diesem Jahr entlassen wurden.

Wenn Michailow die Situation an der EHU und die Lage in Weißrussland skizziert, dann spricht er, anders als seine Gegner, nicht von »Freiheit« und »Diktatur«. Für ihn sind das abgegriffene Vokabeln einer Opposition, die nichts erreicht hat. Stattdessen benutzt er Wörter wie »Qualität«, »Realität« und »Illusion«. Er kennt die Fragen, schon bevor sie gestellt wurden. Er hat sie oft gehört. Warum bei seiner Universität nur noch über Chaos und Zerwürfnisse berichtet werde. Warum er seine besten Leute, darunter langjährige Weggefährten, vor die Tür gesetzt habe. Michailow sagt: »Wir müssen alle sehr viel selbstkritischer sein.« Das ruft der Chef den Gekündigten nach.

188 Kilometer sind es von Vilnius bis Minsk, gut vier Stunden Zugfahrt, wegen der Grenzkontrollen. Zwei monumentale Türme, die wie Brückenpfeiler wirken, stehen vor dem Bahnhofsplatz. Die Fassaden zeugen von der spätstalinistischen Ära. Hier hat die EHU ihren Anfang genommen, von hier wurde sie vor zehn Jahren vertrieben, hier sitzt Andrej Lawruhin in einem Café unweit der Residenz des Präsidenten.

Lawruhin empfiehlt ein säuerliches Bier aus der Region, bevor er die Geschichte seines Traums von der EHU und die des EHU-Traumas erzählt. Er wurde von Michailow in diesem Jahr aus der Uni verbannt. Offiziell wurde sein Arbeitsvertrag nicht verlängert, weil umstrukturiert und die Qualität gesteigert werden muss. Doch Lawruhin, 40 Jahre alt, Brille, Stirnlocke, beigefarbener Pullover, weiß, dass seine Kritik ihn den Job gekostet hat. Wenn er über die EHU spricht, geht es um »Moral« und »Demokratie« und den »Verwaltungsapparat«. Lawruhin ist hager wie sein Doktorvater Michailow und hat einen gutmütigen Blick. Wenn er über ihn spricht, geht es um »Vater« und »Kinder«. Er wählt die Bilder und Begriffe sehr bewusst. Lawruhin ist Michailows verstoßener Sohn. Und er ist nicht der einzige. Die Situation an der EHU erinnert ihn an Weißrussland. Auch dort, sagt Lawruhin, herrsche Lukaschenko wie ein gewaltvoller Vater über seine Kinder.

17 Jahre hat er an der EHU verbracht, er hat sie von 2005 an in Vilnius wieder mitaufgebaut. Lawruhin weiß, dass Michailow höchstselbst seine Entlassung veranlasst hat und damit seine akademische Karriere an der EHU und in Weißrussland beendet hat. Denn wer sich als Wissenschaftler einmal für die EHU entschieden hat, dem bleibt der Weg zurück an eine staatliche weißrussische Hochschule verwehrt. Seine Habilitation habe er nicht beenden können, sagt er, weil er sich für die EHU aufgerieben habe, sein »Lebensprojekt«. Und gerade das, glaubt Lawruhin, sei ihm und seinen Kollegen aus dem Senat zum Verhängnis geworden.

Die Exil-Universität ist für sie ein Ort der Bewährung, an dem sich zeigt, ob man die Mechanismen des Systems, dem man entflohen ist, überwinden kann. Die jetzige Situation erscheint wie ein Menetekel: Wo wir sind, entsteht Diktatur.

Tatsächlich war Michailow für Lawruhin mehr als ein Doktorvater. Er war ein »Beispiel des würdigen, anspruchsvollen Lebens«, sagt er. Der junge Student Lawruhin war Ende der achtziger Jahre fasziniert von Michailows Lehren in Philosophiegeschichte an der Minsker Universität. Dort trafen sich Leute, die westliche Fremdsprachen beherrschten, die man in Buchhandlungen traf, wo sie nach ausländischen Neuerscheinungen suchten. Studenten und Dozenten tranken Tee miteinander, sie sprachen sich mit Namen anstatt mit Titeln an. Michailow sagten Leute aus seinem damaligen Umfeld einen »unbeschreiblichen ethischen Charme« nach. Es war der Kreis von Personen, aus dem die Gründer der EHU hervorgingen. In den Augen der übrigen akademischen Elite des Landes bildeten sie eine Art Sekte.

Die EHU wurde ein Erfolg. Selbst beim weißrussischen Staat fand das Projekt anfangs Zuspruch. Es gab Theologie und Gender Studies unter einem Dach. Bei der ersten Neujahrsfeier fanden noch alle Mitstreiter an einem Tisch im Rektorenzimmer Platz. 1996 war schon der größte Hörsaal zu eng. Lawruhin, der eine Doktorarbeit an der staatlichen Universität begonnen hatte, wollte dazugehören. Doch als er sich 1997 an der EHU bewarb und sich entschied, bei Michailow über Husserl zu promovieren, war dies bereits mit einem Risiko verbunden, das kaum jemand einging. Denn zwischen Michailow, dem freiheitlichen »oppositionellen Intellektuellen«, und dem autoritären Lukaschenko-Regime bahnte sich bereits ein Konflikt an. Die Machthaber in Minsk wollten eine stärkere Kontrolle über die private Uni. Lawruhin konnte in Weißrussland seine Doktorarbeit nicht mehr zu Ende bringen.

Stattdessen gehörte er 2004 zu jenen, die den bedrohten Rektor beschützten. Trete Michailow »freiwillig« zurück, passiere ihm und der EHU nichts, ließ der weißrussische Bildungsminister wissen. Aber Michailow trat nicht zurück. Seine engsten Kollegen holten den Rektor nach einer Auslandsreise vom Minsker Flughafen ab – damit ihn nicht der KGB abführte. Die Studenten demonstrierten und malten sich die Lettern EHU ins Gesicht. Vergeblich. Nach dem erfolglosen Ultimatum gegen den Rektor drückten die Beamten die Schließung auf anderem Wege durch: Sie kündigten vorzeitig den Mietvertrag für das Universitätsgebäude, das die EHU von einer Präsidialbehörde gepachtet hatte.

Michailow verlies Weißrussland und kehrte nie wieder zurück. Nicht er, sondern seine Ziehkinder wagten den Neuanfang in Litauen. Sie holten Michailow nach Vilnius, damit er auch das Gesicht des Neubeginns würde. Die Wiedergeburt im Exil war die größte Leistung der EHU und auch die wichtigste Erfahrung für die, die an sie glaubten.* Gleichzeitig wurde die Universität zu einem Mythos.

Sieben Jahre später erinnerten Lawruhins Kollegen den Rektor an jene Solidarität am Minsker Flughafen. Michailow hatte gerade die Philosophie, die Kerndisziplin der EHU, schließen lassen und Lawruhin die Schuld daran gegeben. Nachdem Studiengebühren eingeführt worden waren, hatten sich noch weniger Interessenten als üblich gemeldet. Der Rektor ging nach dem Kosten-Nutzen-Prinzip vor und stellte die Schließung der Philosophie als alternativlos dar. Das Leben baue leider nicht auf moralische Grundfeste, habe Michailow erklärt. »Diese Worte vergesse ich nie«, sagt Lawruhin. Es war eine Demütigung.

Gespräche mit Michailow hatten für ihn keinen Sinn mehr. »Der Vater« hatte sich verändert, seine persönliche Aura schwand. Er umgab sich mit loyalem Verwaltungspersonal, mit »Leuten, die in Haltung und Geist banal und moralisch nicht attraktiv waren«, wie es Lawruhin beschreibt. Plötzlich sei es so einfach gewesen, Michailows Vertrauen zu gewinnen, sein Umfeld wurde immer »unwürdiger«. Michailow ging hinter diesen Leuten in Deckung und entledigte sich intellektueller Köpfe. Der langjährige Vizerektor und Mitgründer der EHU musste als Erstes gehen. Der Vater begann, seine Kinder rauszuwerfen.

Lawruhin suchte den Ausweg aus der Krise in einem neu gewählten Senat und dem Aufbau demokratischer Strukturen an der EHU, so wie sie an litauischen Universitäten üblich sind. Er hoffte, eine kollektive Selbstverwaltung könnte die EHU retten. »Wir wollten nicht nur von Werten reden, sondern uns auch selbst durch neue soziale Praktiken verändern. Wir hätten nicht nur demokratisch, sondern auch effektiv sein können«, sagt Lawruhin.

Rechte einzufordern auf einem Schiff ohne Hafen, wie der EHU, hält Michailow, ewiger Bittsteller und Vertrauensperson bei Gast- und Geldgebern, für vermessen. Es gebe in seiner Universität die »Versuchung zum Skandal, zur Beschuldigung«. Kritik empfindet Michailow als Verrat. Er entließ den Senatsvorsitzenden, fristlos. Woraufhin die Senatsspitze mit Lawruhin ihn zum Rücktritt aufforderte. Zum Rücktritt zwingen konnte ihn der Senat nicht. Michailow ignorierte die Forderung.

Lawruhin ist überzeugt davon, dass die EHU, gedacht als Insel der Freiheit, sich in eine Organisation verwandelt hat, die einen autoritären Verwaltungsstil nach Europa exportiert. Die Ansicht teilen viele frühere Mitarbeiter und Studenten. Niemand vergisst den Hinweis, dass Michailow schon zwei Jahre länger im Amt ist als Lukaschenko. »Wir alle, auch ich, haben unseren Beitrag geleistet, dass Michailow diese autoritäre Figur werden konnte«, sagt Lawruhin. »Bezaubert« seien sie von ihm gewesen, schon damals in Minsk. Unbegrenzte Macht habe er gehabt. Von Selbstverwaltung wussten die Leute nichts. »Wir haben die EHU mit Michailow identifiziert.«

Michailow hingegen sieht sich als »Opfer der Notwendigkeit«. Immer sei er gebeten worden weiterzumachen, erzählt er in seinem Büro. Doch bald werde er aufhören. Er hat einen potenziellen Nachfolger in die Verwaltung der EHU geholt, einen Amerikaner, der die Region nicht kennt. Michailow ist tief enttäuscht über das, was in Weißrussland passiert. Er rechnet nicht mehr damit, dass es zu seinen Lebzeiten eine politische Veränderung geben wird – das, worauf er sein Leben lang gehofft hat. Diese Enttäuschung mag ein Grund dafür sein, weshalb Michailow die Bindungen nach Weißrussland kappt.

»Ich fürchte, das größte Problem ist dieser Geist, der triumphieren will, anstatt konstruktiv zu sein«, sagt Michailow. »Alles, was gerade passiert, hat mit dem grausamen Thema unserer eigenen persönlichen Transformation zu tun.« Das mag plausibel klingen. Doch von den Untergebenen Selbstkritik zu fordern, dürfte aus Sicht seiner Gegner genau jenem Geist entsprechen. Demonstrativ lehnt Michailow es ab, Lukaschenko anzuklagen. Seine eigene Machtposition reflektiert er nicht.

Almira Ousmanowa, Professorin an der Medien-Fakultät, ist eine der wenigen Verbliebenen des alten Minsker Kerns an der EHU. »Das Ziel der Reformen stimmt, aber das Wie stimmt nicht. Diese Universität gibt es nur dank der Menschen und ihres Engagements. Deswegen ist es eine ethische Frage, wie man mit ihnen umgeht«, sagt sie.

Auch in der politischen Opposition in Weißrussland sieht man die Entwicklung der EHU »sehr negativ«, sagt Alexander Brakel vom Weißrussland-Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung. »Viele Oppositionelle halten den Führungsstil der Verwaltung für autoritär. Für sie passt das nicht zu den Werten von Freiheit und Demokratie.«

Wie wichtig die EHU einst für diese Opposition war, ahnt man, wenn man durch Minsk spaziert. EHU-Absolventinnen haben dort die erste nicht staatliche Kunstgalerie eröffnet. Lawruhins frühere Kollegin hat ein inoffizielles Liberal Arts College gegründet. Lawruhin selbst hat Arbeit an einer Hochschule in St. Petersburg gefunden. Mit alten Kollegen in Vilnius hält er Kontakt, regelmäßig ist er in Minsk bei seinen Kindern und seiner Frau, die ebenfalls ihren Job an der EHU verloren hat.

Die EHU hat unterdessen auf Betreiben von Michailows Management ihr Statut geändert und den Zusatz »zum Nutzen der weißrussischen Gesellschaft« gestrichen. Der Senat wurde weitgehend entmachtet, zumindest auf dem Papier. Anatoli Michailow hat die beratende Funktion eines Präsidenten übernommen, während seine Hochschule nun offiziell einen neuen Rektor sucht. Von der Antwort auf die Frage, wer es sein wird, hängt die Zukunft der Universität ab. In einer spontanen Umfrage unter EHU-Studenten in einem Sozialen Netzwerk zu der Frage, wer Rektor werden soll, gewann Andrej Lawruhin. Der aber überlegt, einen Exilsenat in Weißrussland zu gründen. Als Gewissen der Universität.